„Die Wunde ist der Ort, an dem Licht durch dich eintritt“
Rumi
Das innere Kind - Verborgene Seelenanteile
"Das innere Kind" sind verborgene Seelenanteile, die die Prägung unserer Kindheitserfahrungen in sich tragen.
Verborgen deshalb, da wir uns als Erwachsene nur an einen geringen Teil der Kindheitserfahrungen erinnern, die uns geprägt haben.
Wir lernen und entwickeln uns unser gesamtes Leben, und doch sind die Erfahrungen, die wir in der Kindheit machen, diejenigen, die uns am tiefsten und nachhaltigsten beeinflussen.
Erfahrungen in der frühen Kindheit finden auf der körperlich-emotionalen Ebene statt; d.h. die Erfahrungen können noch nicht auf der Verstandesebene erklärt werden und „brennen“ sich direkt tief in unser System ein.
Blickt man auf die ersten Phasen der menschlichen Entwicklung nach dem amerikanischen Psychoanalytiker Erik Erikson wird schnell klar, dass in der Kindheit der Grundstein für unsere grundlegende Haltung gegenüber dem Leben gelegt wird.
1. Ur-Vertrauen vs. Ur-Misstrauen (0-1 Jahre) „Ich bin, was man mir gibt.“
Neugeborene sind von der Zuwendung ihrer Umwelt vollständig abhängig. Vertrauen entsteht, wenn das Kind erfährt, dass es in sein Bedürfnis nach Liebe, Zuwendung und Versorgung vollständig erfüllt wird.
Erfährt das Kind in dieser Phase Verlassenheit, Zurückweisung und mangelnde Versorgung seiner Bedürfnisse, entwickeln sich Angst vor dem Verlassenwerden, sowie Skepsis und Misstrauen, dass es die Welt gut mit ihnen meint.
2. Autonomie vs. Scham (1-3 Jahre) „Ich bin, was ich will.“
Während dieser Phase beginnen Kinder, ein stärkeres Gefühl der persönlichen Kontrolle zu entwickeln. Sie beginnen sich freier zu bewegen und entwickeln nun Autonomie, einhergehend mit dem Gefühl, viele Probleme selbstständig bewältigen zu können. Sie erforschen die Welt und tun ihren Willen kund.
Übermäßige Kritik oder Kontrolle lässt Kinder an ihren Fähigkeiten zu zweifeln. Was sich beim Kind etabliert, ist schließlich Scham und der Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Wünsche und Bedürfnisse.
3. Initiative vs. Schuldgefühl (3-6 Jahre) „Ich bin, was ich mir vorstellen kann zu werden.“
Im Mittelpunkt dieser Phase steht die Eigeninitiative des Kindes. Es entdeckt und beginnt die verschiedenen Rollen der Menschen in der Gesellschaft zu spielen und sie auszufüllen. Das Kind braucht es, sich zu identifizieren und Rollen auszuprobieren. Moralische Vorstellungen von „gut“ und „böse“ entwickeln sich. In dieser Phase beinhaltet Initiative auch schon das Planen der Rolle, die das Kind später erfüllen möchte. Wird die Eigeninitiative zu sehr abgewertet, entsteht Schuld, wird sie überbewertet als bestehe ihr Wert nur in der eigenen Leistung können Schuldkomplexe und Übergewissenhaftigkeit die Folge sein.
Prägungen die wir in unserer Kindheit erhalten haben, tragen wir in Form unserer „inneren Kinder“ ein Leben lang mit uns. Es sind häufig ungeheilte Anteile, die es im späteren Leben schwer machen zufriedenstellende Beziehungen zu führen, authentisch zu sein, sowie uns selbst wirklich wertzuschätzen und zu lieben.
Zeichen dafür, dass unser „inneres Kind“ Heilung braucht, können sein:
- emotionale Überreaktion
- Selbstsabotage
- geringer Selbstwert
- nicht „nein“ sagen können
- Bedürfnisse anderer über die eigenen stellen
- in wiederkehrenden Kreisläufen steckenbleiben
- etc.
Keine Kindheit vergeht, ohne dass wir nicht zumindest ein Micro Bindungs- oder Beziehungstrauma erlitten haben. Auch, wenn wir dies als Erwachsene vergessen haben, beeinflusst uns das Kind von damals immer noch. Die Angst nochmals verletzt, alleingelassen, beschämt oder beschuldigt zu werden, taucht auch im Erwachsenenleben auf. Die Welt oder die Begegnung mit anderen Menschen wird dann statt zu einem Ort der Begegnung zu einem Ort der Bedrohung.
Im Rahmen der aktiven Imaginationen begegnen wir den Kindern von damals. Jetzt sind sie nicht allein gelassen, sondern wir selbst als die Erwachsenen von Heute reichen ihnen die Hand, trösten sie, schützen sie und helfen die seelischen Wunden zu heilen.
So können sich unsere verdrängten oder abgespaltenen Kindanteile integrieren und sie bereichern unser Erwachsensein, da sie uns nun mit ihrer seelischen Kraft zur Verfügung stehen.