„Denn in jedem Erwachsenen wohnt das Kind, das war,
und in jedem Kind liegt der Erwachsene, der sein wird.“
John Connolly
Wer ich bin? Eigentlich kennen wir uns gut, sehr gut sogar. Aber Du hast im Laufe der Jahre begonnen zu vergessen, dass es mich und viele andere Kinder gibt. Du bist groß geworden und hast mich zurückgelassen. Zurückgelassen ist eigentlich der falsche Ausdruck. Ich bin immer noch bei und in Dir. Du bist Dir dessen nicht bewusst. Manchmal merkst Du, dass Du anders reagierst, als Du es rational begründen kannst. Du bist traurig, hast grundlos Angst, wirst unerklärlich wütend oder fühlst Dich plötzlich hilflos und ohnmächtig. Zu dem was Du von Dir als Erwachsene/er erwartest und für „normal“ hältst scheint das nicht wirklich zu passen. Du erkennst dich kaum wieder und seltsamerweise kannst Du dein Verhalten nicht ändern, obwohl Du doch weißt, dass es keinen wirklichen Grund gibt sich traurig, ängstlich, wütend oder gar hilflos zu fühlen. Du bist ja schon groß. Du kannst für dich sorgen.
Ich möchte Dir helfen dich zu verstehen. Denn diese unerklärlichen Gefühle bin meistens Ich. Wenn du mich verstehst, dann verstehst Du dich selbst.
Ich beginne mit meiner Sicht, warum du mich vergessen hast. Wir kommen in diese Welt, als kleine sehr hilflose und ausgelieferte Wesen. Im Gegensatz zu vielen anderen Lebewesen sind wir über viele Jahre darauf angewiesen, dass sich unsere Eltern um uns kümmern, dass wir das Gefühl haben geliebt zu werden, auf dieser Welt willkommen zu sein, geschützt und geborgen. Dann haben wir das Gefühl darauf vertrauen zu können, dass diese Welt es gut mit uns meint und wir uns sicher auf ihr bewegen können. Das klingt banal, ist aber ist so viel wichtiger als Du denkst. Denn wie viele Kinder kennst Du, die in einem Paradies aus Liebe und Geborgenheit aufgewachsen sind? Die sich immer sicher gefühlt haben, die nie enttäuscht worden sind? Das gibt es nicht meinst Du. Ja wahrscheinlich nicht, denn unsere Eltern sind Menschen mit ihrer eigenen Geschichte und ihrem eigenen Leben. D.h. zu dem einem oder anderen Zeitpunkt werden sie uns enttäuschen, ob sie das wollen oder nicht. Und wenn sie es nicht tun, dann vielleicht andere Erwachsene, Lehrer, Verwandte, Nachbarn, Fremde oder andere Kinder. In dieser Welt kann das nicht anders sein, sagst Du. Das ist normal. Ja das stimmt. Aber ich möchte Dir erklären, was das mit uns Kindern macht. Wenn wir ganz klein sind, können wir noch nicht mit dem Verstand begreifen, wieso und weshalb etwas geschieht. Wir sind noch ganz fühlende Wesen, die jede Erfahrung körperlich machen. Hunger, Kälte und alleine Sein ist körperlicher Schmerz. Er ergreift und schüttelt unser ganzes Wesen. Wenn wir erwachsen sind, haben wir oft vergessen, dass wir noch immer eine Einheit aus Körper, Seele und Geist bilden. Wir haben die komische Idee, dass wir hauptsächlich Verstand sind und alles mit dem Verstand erklären können. Ich verrate Dir etwas. Der Körper erinnert sich an alles. Jede Erfahrung und das damit verbundene Gefühl, bleibt im Körper als Erinnerung erhalten. Und jetzt kommt etwas Spannendes. Der Körper kennt gar keine Zeit. D.h. er erinnert sich, auch wenn Du erwachsen bist an alles, als ob es jetzt wäre. Für was das wichtig sein soll? Wichtiger als Du denkst. Vielleicht wunderst Du dich z.B. warum du unglaubliche Angst hast verlassen zu werden oder alleine zu sein. Weißt Du, ob Deine Eltern, als Du Säugling warst immer gekommen sind, wenn Du nach Ihnen gerufen hast. Wahrscheinlich nicht. Und schon hat sich ein Gefühl tiefer Verlassenheit seelisch, aber auch körperlich eingebrannt. Du als Erwachsene/er bist weit entfernt von dem kleinen Kind, dass sich verzweifelt die Seele aus dem Leib brüllt und am ganzen Körper vor Verlassenheit vibriert. Und doch sobald sich in Deinem heutigen Leben eine Situation ergibt, die dich an dieses Gefühl des Verlassen Seins erinnert reagiert Dein Körper und auch Ich. Der Körper erinnert sich an den Schmerz und reagiert sofort, und nun komme ich ins Spiel. Seit damals warte ich, dass mich jemand in den Arm nimmt, mich erlöst aus dieser unglaublichen Verlassenheit, mich tröstet. Damals bin erstarrt und da die Erfahrung so schlimm war hast Du mich aus Deiner Erinnerung abgespalten. So hast Du einen seelischen Anteil von Dir verloren und ich durfte nicht mit Dir weiter wachsen und reifen, sondern blieb erstarrt in meiner damaligen Situation eingefroren. Bitte hilf mir, dann kann ich zugleich dir helfen. Mach Dich auf die Reise Dein Inneres zu erforschen und mich zu finden. Komme aus Deiner Gegenwart zu mir in die Vergangenheit und nimm mich in den Arm, tröste mich schenk mir Deine Liebe und ich kann heilen. Ob das geht? Ja es geht. Du wirst erstaunt sein, wie lebendig alle Zeiten gleichzeitig in Dir existieren. Und wie Du selbst die Vergangenheit heilen kannst, indem du mich erfahren lässt, wie sich Liebe und Geborgenheit anfühlen. Dann kann ich mich aus der Erstarrung lösen und lebendig werden, wieder ein Teil von Dir sein, weil du mich nicht mehr vergessen musst. Du wirst merken das hilft auch Dir. Denn auch wenn ich klein bin, bin ich eine Kraft, eine Energie, die lebendig wird so bald Du dich mit mir verbindest. Und wenn Du dir über mich bewusst geworden bist, woher diese Angst verlassen zu werden kommt, musst Du sie nicht mehr haben. Du wirst sehen, wie sehr ich Dein Leben bereichere, und wieviel freier Dein Leben ist, wenn die Verlassenheit aus der Vergangenheit in der Gegenwart für die Zukunft geheilt wird.
Und nein, wenn Du dich frägst ob ich das einzige innere Kind bin. Nein wir sind viele, in allen Altersstufen. Immer, wenn Du das Gefühl hattest, dass Du eine Situation nicht erträgst, nicht weißt wie Du sie lösen sollst, die Gefühle dabei unerträglich wurden, hast Du eines von uns zurückgelassen. Nur so war es möglich an den zum Teil unerträglichen Erfahrungen nicht zu zerbrechen. Du konntest nicht anders überleben, als dich von uns abzutrennen. Aber der Schutz vor der Unerträglichkeit des Schmerzes hatte einen Preis. Du bist nicht Ganz. Und auch, wenn Du schon erwachsen bist, leben unsere Ängste, unsere Verlassenheit und unser Schmerz noch immer in Dir. Meist nimmst Du das in Deinem geschäftigen Erwachsenenleben gar nicht wahr, bis eine Situation die an damals erinnert kommt...plötzlich kannst Du nicht mehr vernünftig reagieren, und alles in Dir ist plötzlich das hilflose und ohnmächtige Kind von damals. Wenn du mich / uns wahrnimmst, anerkennst und umarmst können wir heilen und Du wirst sehen, wie Du plötzlich ganz anders mit Deinem Leben umgehen kannst. Denke darüber nach, ob Du mich nicht öfter treffen möchtest. Ich freue mich auf Dich!!!
Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und die Töchter der Sehnsucht
des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben,
aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben,
aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen,
das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein,
aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts
noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder
als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und er spannt euch mit seiner Macht,
damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt eure Bogen von er Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.
Kahil Gibran